Wenn der Kuckuck ruft
Es war ein harter Winter gewesen, und in der Lindenhütte zu Hilgenthal war´s wieder recht knapp hergegangen. Du lieber Himmel auch: alle Tage zehn Mann zu Tisch und einer nur an der Axt - da mußten die Eltern wohl sehen, wie sie Rat schafften.
Was gab es da für eine unbändige Freude, als auf einmal der Jubelruf ertönte: "Unsere Linde hat über Nacht Knospen gekriegt!" Alles stürmte hinaus, und ich war nicht derletzte.
"
Paßt auf, da wird der Kuckuck bald
ankommen", und wir sahen schon im Geiste unsere Prachtmutter auf die "
Rakböne" gehen und Wurst und Schinken anschneiden. Den ganzen langen Winter hindurch hatte sie uns, um den kleinen Schlachtvorrat auf der Rauchkammer so lange wie möglich zusammenzuhalten, auf den ersten
Kuckucksruf vertröstet. "
Dei Kuckuck
hät noch
nech rupen", sagte sie, wenn einer schon im Winter ein Schinkenstück begehrte.
So
mußten wir lernen, uns in die Zeit zu schicken. Wie aber der Frühling durch die Lindenzweige guckte, da zerrissenalle Fäden unserer Geduld, so straff waren sie gespannt auf den ersten
Kuckucksruf.
Bis das Mähen auf dem
Anger anfing, pflegte unser Vater noch täglich nach dem Holzhauen zu gehen. Mittags wurde ihm ein warmes Essen im
Henkeltopfe hinausgebracht. Konnte die Mutter frei kommen, so tat sie`s gern selber; sonst besorgten es
etlich von uns Kindern. Es galt aber dann,
Köze und Laken mitzunehmen, um vom jungen
Hau Sprick und Späne mitzubringen.
Wir hatten ein schlimmer Aprilwetter gehabt, und die Mutter hatte uns längere Zeit nicht ins Holz gehen lassen. Da merkten wir erst, wie gern wir trotz aller
Beschwernisse ins Holz gingen, und als der April sich zu Tode getobt hatte und der junge Mai durch die Linde lachte, hätten unskeine vier Pferde mehr halten können. Den Henkeltopf in der Hand, die
Köze auf dem Rücken, das
Holzlaken um die Schulter - und fort ging`s.

Wie der Wald, der liebe, schöne, grüne Wald uns wieder grüßte! Es leuchtete, rauschte, grünte, blühte und duftete, schwirrte und jubelte - o, es ist nicht zu sagen, wie´s war - nicht nur um uns, sondern auch in uns.
Horch! Still! Hört ihr droben in den Buchen? Wie gebannt lauschten wir: Kuckuck! Kuckuck, Kuckuck! Kuckuck! kam´s von oben her, erst noch fern, nun auf einmal ganz nahe. Unbeschreiblich war unsere Wonne, und wir jauchzten und schrieen: "Kuckuck,
sniet Wost und Speck
up!" Dann kehrte ein jeder seine Taschen um, ob sich nicht ein Stückchen Brot darin finden möchte. Es fand sich leider keins, und das war traurig; denn wer beim ersten
Kuckuckusrufe kein Brot in der Tasche hat, der kriegt auch das ganze Jahr keines hinein. Dies müßige Bedauern hielt sich jedoch nicht lange, es galt ja doch eine Reihe von Fragen an den Kuckuck zu richten.
"Still, was der Kuckuck uns sagen will!"
Ich fing an:
"
Kuckucksknecht,
segg mek recht,
woveel Jahr
eck leben
möcht?
Beleig meck nech,
süs bist
dö de rechte Kuckuck
nech!"
Dann kam
Lorchen mit der Frage:
"Kuckuck,
speckbuck,
segg mack doch,
woveel Jahre
lew eck noch?"
Darauf unser kleiner August:
"Kuckuck
up der Weggen (Weide),
woneer sall eck freggen (freien)?"
Und so
gings fort, bis ein jeder von uns
wußte, wie lange er zu leben hatte, wann er
Gevatter werden und wann er freien werde. Wie wir dann horchten, dass wir auch nicht einen Ruf überhörten! War uns die Auskunft nicht nach der Mütze, so rösteten wir uns, dass es der liebe Gott wohl besser wisse. - Nur unser August machte, als ihm der Kuckuck die Hochzeit noch ganze zehn Jahre hinaussetzte, im ersten Augenblick den Mund so dick, als ob ein Schock Hühner darauf sitzen sollte.
Die Paten hatte ich oft hören sagen: Wenn man den Kuckuck zum erstenmal
höre und einen Pfennig in der Tasche habe, würde einem das ganze Jahr das Geld nicht ausgehen. Und wenn man kein Geld bei sich trage oder gar was
verlöre, würde man auch das ganze Jahr Mangel daran leiden.
Ein Pfennig wäre schon genug gewesen. Aber was half uns das? Unsere Eltern hatten vor drei Tagen ihr Letztes für eine ältere Schusterschuld hingegeben und besaßen nicht einen roten
Heller mehr. Wir grämten uns indes nicht allzusehr; schon war mir wieder ein altes
Liedlein eingefallen, das ich meinen Geschwistern vorsang:
Dei Kuckuck
up den
Tune satt,
dat regte
sou und
hei word natt.
Da kam de
leiwe Sunnenschien,
da
word de Kuckuck hübsch und
fien.
Er breitet seine Flügel aus
und flog wohl übers Goldschmiedhaus.
Das liebe
Goldschmiedstöchterleinschenkt mir einen Ring vom
Golde rein
und macht
mir einen goldnen Kranz,
den will ich tragen auf diesem Tanz.
Zu diesem Tanz kommt niemand ´rein,
als ich und mein
Feinsliebelein.
Wir
mußten uns nun aber
sputen, da der Vater doch
gewiß schon hungrig nach uns ausguckte.
Als wir eben in die hohen Buchen auf dem Hungerberge kamen, schimmerte uns ein
ballartig zusammengeknittertes Stück Papier entgegen. Wir hoben es auf, lösten es auseinander und
kernten - wer beschreibt unseren freudigen Schrecken? - und
kernten einen blanken halben Gulden aus dem Papierballe. Wir waren so starr, dass wir uns nicht vom
Flecke rühren konnten. Ein blanker halber Gulden? War das nicht
Blendwerk? Oder sollte der Kuckuck...? Ein halber Gulden - das war in unseren Augen, in denen schon ein Heller als ein bedeutendes Vermögen galt, ein unmäßig großes Kapital. Ein blanker halber Gulden! "O - O, nun haben wir das ganze Jahr viel Geld!", schrieen wir, ganz unsinnig vor Freude. "Hurra! - Hurra!! -Gott, was wird der Vater für Augen machen, wenn wir denkostbaren Fund ihm zeigen? Ganz
gewiß wird er die Axt in den obersten Baumwipfel werfen und mit uns singen und springen. Und dann die Mutter -
na, die wird eine Stunde dastehen und das unverhoffte Glück ganz und gar nicht zu fassen wissen. Ein halber Gulden -
ei, das ist ja gerade soviel, dass wir zwei große Brote dafür kaufen können. O Mutter, Mutter, was wirst du froh sein!
Juh-
huh, Kuckuck!
Speckbuk!
Juhu-
huh, Kuckuck.
So schrien und jauchzten wir in unserem Freudentaumel, bis wir auf den jungen
Hau kamen. Glühend wie Backofenkohlen zeigten wir dem Vater unseren Fund. Seine Augen leuchteten auf; aber die Axt flog nicht in den Baumwipfel. "Kinder", sagte er nach einer Minute stillen
Bedenkens, "
laßt euch vom Herrn Kuckuck nicht die Augen blenden. Er ist ein loser Schelm,
berückt die Leute gern und führt sie an der Nase herum. Denkt nur nicht, dass der Kuckuck sich viel aus unserer Armut macht und deswegen mit halben Gulden um sich würde. Der Kuckuckist so einer: Wer was hat, dem wirft er was zu; wer aber nichts hat, der kriegt auch nichts. Darum heißt´s : Wer heute Brot und Geld in der Tasche trägt, der wird das ganze Jahr genug davon haben. Ihr aber habt weder ein Krümchen noch einen Kreuzer bei euch - auch der halbe Gulden ist nicht
euer eigen, er ist gefunden - der Kuckuck wird euch was
prusten." Der Vater nahm den Gulden in die Hand, betrachtete ihn noch einen Augenblick und wickelte ihn sorgfältig wieder ein: " Glaubt mir, Kinder, es nützt uns nichts, und es hängt
gewiß ein
gramvolles Herz daran!"
Wir waren sehr enttäuscht und ganz geknickt. Indem bemerkten wir in einiger Entfernung einen alten Mann, der mit tief gebeugtem
Haupte zwischen den Bäumen hin und her ging und allerlei seltsame Gebärden machte, erst tief herab auf den Boden, dann hinauf zu den Baumwipfeln sah und wie in heller Verzweiflung die Hände rang. Ergriffen verfolgten wir eine Minute sein Tun; dann rief ihm der Vater zu:"Suchst du was, Hanschristoph? Hast du was verloren?"
Halber GuldenDer Mann wandte sich um und wankte auf uns zu. "Ach Gott - ihr seid`s - `s freut mich!" Wir merkten,dass ihm das Wasser in der Kehle saß. Gewaltsam niederschluckend, fuhr er fort: "Ihr wißt, dass heute Maitag ist - und dass der Kuckuck gerufen hat - und dass das eine Freude ist, wenn man Geld in der Tasche hat! - Geld in der Tasche, unsereiner ! --- Ach, du lieber Gott und Vater! Hört, wie`s mir ergangen ist!
Wir sind an Brotsenden - und ich wollte zur Feierabendstunde in der Holzmühle vorgehen und Mehl mitbringen. -- Wollt`s gestern schon tun, sagt aber Janechen, meine Frau: "Tu`s morgen, weil´s dann Maitag ist und weil dann vielleicht gerade der Kuckuck ruft - hast dann entweder Geld oder Mehl bei dir. -- Tu´s morgen`sagt Janechen. Gut, wir hatten gerade noch einen halben gulden - den steck`ich heute morgen bei. -- Janechen hat ihn, dass ich ihn nicht verliere, dich mit Papier umwickelt..."
Jetzt schluchzte der alte Holzbauer auf wie ein Kind, während in uns ein mächtiger Jubel aufstieg.
"Und wie ich vor einer Stunde nach dem halben Gulden fühlte", fährt der Alte in seinem Jammer fort, "da - ach Gott, ach Gott - ist er weg - rein weg, wie weggehext. Und ich weiß nicht, wohin er gestoben und geflogen ist. Jedes Laubblatt hab`ich umgewandt. - und ich finde ihn nicht. Und denkt euch mein Gefühl, wie der Kuckuck nun zu rufen anfäängt und immer stärker ruft und immer näherkommt - gerade, als wollt´er´s mir recht zum Hohne tun. - O - wo kriege ich meinen halben Gulden wieder?"
"Da - Kinder - gebt dem Hanschrisophvetter den halben Glden!", rief unser Vater strahlenden Auges. Es war auch die höchste Zeit, denn wir konnten uns nur noch mit großer Mühe halten. Der Hanschristophvetter war erst ganz versteinert; dann zwang er sich zu einem schwermütigen Lächeln. " Ja, Hanfrieder, dazu wärst du imstande", gluckste es aus seiner Kehle, "bist ein rechter Lindenhüttemann, ein Lindemannsblut - gerade wie dein Vater und dein Großvater, den ich auch noch ganz gut gekannt habe. Das Hemd vom Leibe gaben sie einem armen Schlucker hin. Aber es ist mir genug, dass ich den Willen sehe - und darum stecke den halben Gulden nur wieder bei. Gott rechne euch den Willen für die Tat. Ich weiß nicht, ich spüre auf einmal was in mir, dass ich mich fas schämen möchte. Sei versichert, Hanfrieder, nun werde ich den Verlust leichter verschmerzen."
Wir Kinder verstanden den Alten nicht bleich. Unser Vater aber lächelte eingentümlich und sagte:"Hanchristiph, du sprichst mir einen Edelmut zu, den ich nicht bewiesen habe; du meinst, ich hätte dich beschämt und umgekehrt ist`s. Du hast mich beschämt. Die Kinder haben ja den Gulden gefunden."
"und er ist dich mit Papier umwickelt gewesen", fielen wir nun aufs lebhafteste ein, als befürchteten wir, dass der Hanchristophvetter dem Vater nicht blauben möchte.
"Also wird`s wohl dein leibeigener Gulden sein!" drängte unser Vater, als der Alte noch gar nich zugreifen wollte, sondern wie gelähmt dastand und mit aufgerissenen Augen auf das Guldenstück starrte. Erst nach einer längeren Pause bewegte er sich wieder und fragte zitternden Tones: "Ist´s dennwirklich wahr, Hanfrieder Kinder?" Wir mußten´s ihm aus Leibeskräften beteuern, sonst hätte er´s wirklich nicht geglaubt.
Als er endlich zum Glauben gekommen war, preßte er den halben Gulden stürmisch an seine Brust und jauchzte zwischen Lachen und Weinen: "Also ich hab`ihn wirklich wieder, meinen halben Gulden? Got, ach Gott, diese Freude, die Freude! Gotteslohn, Hanfrieder, Gotteslohn, Kinder! Gotteslohn, Gotteslohn! Ach, ist das eine Freude!"
Als unser Vater nun meinte, dasswir doch gar nichts getan hätten, womit wir Gotteslohn verdient, fiel ihm der Glückliche stürmisch in die Rede: "Was, Hanfrieder, nichts getan? Wenn einer selbst blurarm ist, also dass er gar auch am Hungertuche nagen muß und findet nun einen halben Gulden und versteckt ihn nicht, sondern gibt ihn mit Freuden dem Verlierer zurück - das wäre keine Tat? Gerade in die rechten Alugen und Hände ist mein Guldenstück gekommen. Denkt mal, die Esbecks oder Snurtchepeters oder Boklers oder Preppenkies`hätten den halben Gulden gefunden, - hätte ich ihn wiedergekriegt?"
Diese innigen Freudenworte erschöpften die Kraft seines Dankgefühls noch keineswegs. Als er das Geldstück wo wohl geborgen hatte, dass es nicht wieder verloren gehen konnte, eilte er flugs davon und verschwand zwischenden Bäumen, und als er nach einer kurzen Weile wiederkam, hatte er einen dicken Arm voll Sprick (Reisig) und den ganzen Kittel, den er wie eine Schürze aufgenommen, voll blanker Späne. Und dann lief er noch dreimal fort und kam jedesmal sprick- und spanbelastet zu uns zurück.
Unser Vater wollte es ihm wehren; wir Kinder hätten junge Beine und könnten das Holz selbber zusammensuchen. Der Hanchristophvetter hörte nicht darnach, und so kriegten wir schönere Trächte als alle anderen Kinder, die heute aus dem Holz gingen.
In der Freude merkten wir kaum, wie schwer die Trächte waren; nur August stöhnte manchmal ein wenig, wenn die Äste sich in den zarten Rücken bohrten.
Wir ruhten einmal mehr und brachten nicht nur die Trächte, sondern auch die Glückseligkeit mit nach Hause.
Die Mutter machte uns Vorwürfe, dass wir zu schwer genommen hätten. Wir aber bestürmten sie mit der frohen Botschaft, dass der ganze Wald weit und breit widerhallte mit dem Rufen: "Kuckuck, Kuckuck, sniet Wost un Schinken up!"
Da ließ sich unsere Mutter denn auch nicht mehr nötigen. Lächelnd wtzte sie das Messer auf der Türschwelle und stieg unter lautschallenden Zujubel zur Bodenleiter hinauf, die nach der "Rakböne" führte.
Als sie wieder herabkam, trug sie eine halbe Kopfwurst und einen Schinkenschnitt in der Hand, angesichts dessen man hätte auch fragen können: "Was ist das unter so viele?" Doch die Mutter verstand einzuteilen, dass es lange, Und wir waren zufrieden, mochte die empfangene Wurstscheibe oder das Schinkenschnitzel auch noch so winzig ausgefallen sein. Ja, ich weiß noch, wie mausmäulig klein wir anbissen, was für eine königliche Freude wir hatten und wie innig dankbar wir die gute Mutter anlachten. - Je kleiner der Bissen, desto größer der Wohlgeschmack.

Wenn die hoch über der Tiefe der Menschheit wohnenden, im Überflusse übersättigten "Pepelkinder" nur einmal im Jahr genötigt würden, so auf den ersten Kuckucksruf zu warten, wie damals wir Lindenbüttenkinder, müßte sich ohne Zweifel ihre Natur ändern. Und dann würde ich ihnen zurufen: "Damit ihr nicht wieder verpepelt werdet, baut von eurem Überflusse über die Tiefe des Menschentums eine Brücke, auf der die Engel des Friedens hin und her gehen können!"
Heinrich Sohnrey